Sicher dass Antigone und Medea von den Göttern Unterstützt Wurden?

‘Wie stark war der Glaube der Griechen an ihre Götter?’ – Man kann annehmen, dass ein Glaubensverhältnis zwischen uns und Hollywood dem zur Zeit Sophokles und Euripides am nächsten kam: Obwohl unsere Anschauungen durch Filme modelliert werden, glauben nur wenige an diese Erzählungen. Genauso wurden damals Mythen erzählt und verschieden interpretiert. Sogar Platon, der für seinen Konservativismus und seine Religiosität bekannt war, räumt in seinem Werk Gesetze ein, dass seit dem minoischen Zeitalter Atheismus, Aberglaube und Glaube an nie eingreifende Götter in Griechenland koexistieren (Law. V. 888c). Dem Autor griechischer Tragödie fällt damit eine wichtige Rolle zu: Zwar muss er Opfergaben erbringen, doch ist freie Meinungsäußerung erlaubt und Tragödien können die Götter nach belieben für Wertdiskussionen benutzen. So hat Aristophanes keine Skrupel den Gott Dionysos in seinem Werk Frösche aus Angst einpullern zu lassen. Sophokles und Euripides zogen ihre dramatische Kraft aus dem Fakt, dass im Publikum kein religiöser Konsens bestand. Die Antwort auf die Frage, wen die Götter in den Werken unterstützen, ist daher essentiell für ein Verständnis der Stücke im Kontext altgriechischer Gesellschaft.

Da am Anfang Sophokles’ Antigone der Chorus von menschlichen Errungenschaften wie Navigation oder Behausung (Ant. V. 333-374) spricht, fällt es leicht eine vermeintlich humanistische Nachricht zu sehen, die das Stück später in Frage stellen kann. Antigone entscheidet sich im Stück dazu, entgegen eines allgemein gültigen Gesetzes zu handeln, welches vorsieht, Vaterlandsverräter unbestattet zu belassen, hier ihren Bruder. (Ant. V. 21-38) Da Antigone allein gegen den Tyrannen kämpft, ihrem Herzen folgt, fällt es leicht anzunehmen, dass sie göttlichem Recht nach handelt und ihr Onkel Kreon dem Unrecht folgt, gar dass die Götter auf Antigones Seite stünden. Tatsächlich war das Gesetz, Feinde nicht zu bestatten, tief im Rechtsbewusstsein der Griechen verwurzelt. Auch gläubige Bürger wie Platon unterstützten die Ansicht, man müsse Frevler sogar wieder über die Landesgrenzen schleifen, um sie dort verwesen zu lassen (Law. V. 909). Kreon wurde ausserdem von den Göttern befohlen zu herrschen und er ruft bei seiner Entscheidung, Polyneikes unbestattet zu lassen, Zeus an. (Ant. V. 184 ff.) Sophokles kämpft also in seinem Werk mit dem größeren Problem Grenze – nicht nur zwischen Ländern, sondern auch Sitten, die religiös begründet werden. Daher wird kategorisch zunächst kein Charakter in Antigone von den Göttern unterstützt.

Euripides’ Medea zeichnet durch ihr Denken einen ähnlichen Präzedenzfall auf, in welchem ihr Mann eine heimische Braut der Protagonistin vorzieht, obwohl sie gemeinsame Kinder haben. Wieder lässt sich der moderne Leser gern dazu verleiten, ein emanzipiertes Weltbild auf Medea anzuwenden und ihre Seite als die sittlich rechte zu benennen. In der Tat galt es als gesellschaftlich kontrovers, seine Frau auf diese Weise in der Antike zu verlassen und zurück zu stellen, doch die von Jason ergriffene Handlungsweise hält dieser für völlig legitim: Schließlich ist Medea eine Barbarin (Med. V. 530). Sie immigrierte nach Theben aus einer griechischen Siedlung im wahrscheinlich heutigen Iran. Der Ausdruck Barbar stammt aus den für die Griechen fremden Sprachen, in welchen sie nur ein “bar! bar!” verstehen konnten (WIles, 2000: 92). Dazu kommt Medeas respektlose Ausdrucksweise dem Königssohn gegenüber. (Med. 459-60 und andere) All dies mag des antiken Zuschauers Sympathien auf Jason gelenkt haben. Wieder befindet sich die Protagonistin zwischen antagonistischen Sitten (Med. V. 1338-47) und wird nicht grundsätzlich von den Göttern unterstützt.

Der Anthropologe Claude Lévi-Strauss veranschaulichte die entgegengesetzten Positionen in Antigone und Medea mit zwei Bündeln, auf denen sich die griechische Tragödie aufbaut, indem der Protagonist andere Charaktere entweder zu sehr liebt (zum Beispiel Antigone), oder zu wenig (Medea) (de George, 1972: 168-94). In beiden Fällen steht die Familie der Antike unter Betrachtung. Euripides’ Medea kämpft demnach mit Problemen auf einer anderen Ebene als Antigone. Beide können jedoch nicht mit Sicherheit behaupten, sie hätten Recht, sondern stehen wie beschrieben zwischen Rechtsauffassungen.

Beide Charaktere schauen in ihrem Zwiespalt zum Olympus und ersuchen die Götter. Medea glaubt sich hierbei von vornherein der Antwort der Götter sicher und ruft die Obrigkeit nun bloß als Zeugen, um die eigene Argumentation gegen den Frevel Jasons zu unterstützen (Med. V. 21-23, 334), eine Taktik die auch von Jason angewandt wird (Med. V. 612-15 + 619). Für Medea gibt es keine Argumentation, sondern nur eine absolute Gerechtigkeit, was im Kontext ihrer Geschichte falsch ist und letztlich zum Wahnsinns Medea und zum Kindermord führt (Med. 749-52). Diese Anrufe lassen keinesfalls auf mögliche Unterstützung der Götter schließen, da Medea sie beliebig – je nach ihrem Gegenüber – modifiziert (Med. V. 344 ff. gegen Med. V. 749+77-78).

Antigone ist dem gleichen Irrtum verfallen, ihre Wahrheit sei die einzige (Ant. V. 899-902). Sie ruft jedoch keine Götter als Zeugen wie Medea, sondern beruft sich auf die griechische Mythologie, nach welcher es Sitte wäre, Polyneikes zu bestatten (Ant. V. 449-54). Dieses Argument deutet tatsächlich auf einen möglichen Wunsch der Götter auf Beisetzung hin. Hier ist es jedoch wichtig zu unterscheiden, welche Götter von den Protagonisten angerufen werden: Medea schmiedet ihre Mordpläne im Namen der Hekate, Göttin der nächtlichen Magie und Beschützerin der Geisterbeschwörer (Med. V. 396-400) und spricht zu Hemis (Gott des Meineids) und Artemis (Gott der Ehe) (Med. V. 162); Antigone ruft zu ihrem Hausgott Zeus, welcher der Familie/Sippe wohlgesinnt ist (Ant. V. 486, 654). Hätte Medea Hermes (Gott der Fortbewegung und Grenzen) angerufen, oder Antigone Athene (unter anderem Göttin asexueller Hausarbeit) um Rat ersucht, hätte die Argumentation beider Protagonistinnen anders aussehen müssen. Wissend, dass auch Kreon Mythologie zitiert, ist es zu erkennen, dass es keinen Konsens unter den Göttern gibt und daher genauso wenig eine richtige Antwort auf ethische Fragen.

Trotzdem wird in beiden Werken direkt oder indirekt eine Kommunikation mit den Göttern aufgebaut: Im Werk Antigone tritt im 5. Episodion der blinde Seher Teiresias auf. Man kann annehmen, dass 442 v. Chr. das griechische Publikum sofort folgendes Bild von Teiresias vor den Augen hatte: Dem Verlorenen Epos Melampodia des Hesiod nach, soll Teiresias in jungen Jahren sein Geschlecht getauscht haben. Als Frau lebte Teiresias lange Jahre, bis sich dasselbe nochmals ereignete. Aufgrund seiner Erfahrung mit beiden Geschlechtern wird er von Hera und Zeus befragt, welches Geschlecht mehr Lust beim Sex empfinde. Nachdem er eindeutig bekannt gibt, dass es die Frauen sind, raubt Hera ihm das Augenlicht. Zeus jedoch hat Nachsicht und verleiht ihm die Sehergabe, die es Teiresias ermöglicht göttliche Wahrheiten zu erblicken (FH, 275). In allen Stücken der Klassik, in denen Teiresias auftritt (Sophokles: Antigone, Oedipus Rex; Euripides: Bakchen, Phoinikieinnen) hat der Thebanische König daher große Achtung vor ihm. Auch in Antigone stellt er durch Rituale wie Vogelschau und das Interpretieren von Opferasche (Ant. V. 993, 997 ff.) eine Verbindung zu den Göttern her und beriet somit schon lange die Polis zum Wohl (Ant. V. 965 f.). Teiresias deutet an, dass die Balance der Natur eine Reflexion des Göttlichen Willens ist und dass jene seit der Verurteilung Antigones durch Kreon gestört sei (Ant. V. 972 ff.), was eine Sympathie der Götter für Antigone implizieren würde. Allerdings steht Teiresias nicht als Vertreter der gesamten Götterwelt, da er seine Gabe von Zeus erhielt, welcher auch von Antigone angerufen wurde.

Auch Medea erhält nach vielem Warten und Konflikt (Med. V. 509 ff.) zum Ende der Tragödie hin ein Kommunikee vom Olympus: Ein Drachenwagen steht zu ihrer Stelle und beschützt sie vor Jasons oder Kreons weltlicher Macht (Med. V. 1291). Allerdings muss bemerkt werden, dass jener Wagen von ihrem Großvater Helios und nicht von den Göttern allgemein geschickt wurde.

Generell kann man sagen, dass die Protagonistinnen jeweils zumindest verbale Unterstützung aus der Götterwelt erhielten. Es lässt sich jedoch nicht sagen, ob die Götter geschlossen hinter den beiden Frauen standen. Wie zu Beginn erwähnt, wäre das auch gar nicht nötig für die Absicht der griechischen Autoren, welcher nicht darin besteht, bestimmte Handlungsmuster wie den Ehebuch zu verurteilen, sondern den Zuschauer an einer Diskussion zwischen verschiedenen Göttern und Rechtsauffassungen teilhaben zu lassen und so zur Katharsis zu führen. Anders als in Hollywood fragt das griechische Publikum zum Beispiel: ‘Sind die Rechte einer Barbarin gering genug um einen Ehebruch zu legitimieren?’ oder ‘Wiegen Ländergrenzen schwerer als die Grenze zum Hades?’ könnten Fragen für Medeas und Antigones Publikum gewesen sein. “Die Krankheit [Unglaube] ist eine Konstante,” schließt Platon, “jedoch nie die Zahl der Betroffenen”1 So soll letztlich das Publikum entscheiden, wer die Unterstützung der Götter verdient.

Bibliographie

Edition de George: ‘The structuralist from Marx to Lévi-Strauss’, New York, Anchor books, 1972 Euripides: ‘Medea’ (Med.) Übersetzung: Donner, Reclam, Stuttgart, 1972 Hesiod: ‘Fragmenta Hesiodae’, Edition Merkelbach, Oxford, 1967 Platon: ‘Gesetze’, [http://www.textlog.de/35260.html], [aufgerufen am 17.08.08] Sophokles: ‘Antigone’ (Ant.) Übersetzung: Donner, Hamburger Leseheft Verlag, Husum/Nordsee, 2006 Wiles, David: ‘Greek Theatre Performance’, Cambridge University Press, New York 2000 Unterstützung der Götter (pdf)

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